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Existenziell geschüttelt und gerührt

Wenn jemand ganz plötzlich verstirbt, den man sehr schätzt und mag, dann scheint die Welt sich für kurze Zeit in Slow Motion zu bewegen.

Man ist irritiert über so manches Aufbegehren und manche Konflikte, die man nicht versteht,

es strömt herein, was versäumt scheint, besonders zwischenmenschlich,

& man nimmt plötzlich deutlicher wahr, was man nur aus Pflichtgefühl oder Gewohnheit, aber nicht aus tiefster Überzeugung oder vollstem Herzen tut. Die Masken und Rollen, die man sich zusammengebastelt hat, um irgendwer oder irgendwas zu sein, das abseits von einem selbst liegt, aber - so glaubt man zumindest - gut ankommt, mutet lächerlich an.

 

Das Leben nimmt augenfällig eine Mehrdimensionalität an: Es tritt hervor, was Gewicht hat, und zurück, was gleichgültig und unwesentlich ist.

 

Das vergangene Jahr war ein einziger Ausnahmezustand. Ein Schicksalsschlag und eine Schreckensmeldung folgen der/dem nächsten. Medial wurde einem eingebläut, dass wir alle auf Messers Schneide stehen. Täglich hörte man von zig Toten, die hilflos und scheinbar aus dem Nichts heraus gestorben sind.

Durch die erzwungene räumliche Trennung von anderen Menschen musste man hinnehmen, was einem übermittelt wurde, ohne sich mit all seinen Sinnen davon zu überzeugen. Plötzlich hieß es, diese und jene habe Krebs oder liege im Tiefschlaf, folgend Gerüchte, und dann: die Person sei gestorben.

An mir selbst ist mir aufgefallen, dass diese Zeit des einzigen Ausnahmezustandes und der "Stillen-Post"-Übertragung dazu geführt hat, dass ein Teil in mir wie betäubt ist und nichts mehr ganz durchlässt. Die Zentrale der Entgegennahme existenziell erschütternder Botschaften ist auf Kurzarbeit. Und das erschüttert mich.

 

In der Logotherapie (& Existenzanalyse) wird die sogenannte "existenzielle Erschütterung" gerne dafür verwendet, jemanden aus seiner Lethargie und seiner lebensbehindernden Stur- und Blindheit herauszuholen. Als Beispiel könnte fungieren, jemandem, der mit seinem Verhalten seine Ehe schwer belastet, klar vorauszusagen, dass diese, wenn er so weitermacht, möglicherweise daran zerbricht. Natürlich erschüttern "existenzielle Erschütterungen"  nicht jeden gleichermaßen. Manche sind da "schmerzbefreit" & machen weiter wie bisher.

 

Mich haben unvorhergesehene Todesfälle immer sehr erschüttert. Und ich weigere mich, dem Virus-Wahnsinn zum Opfer zu fallen & darauf zu verzichten! Diese Erschütterungen erinnern mich paradoxerweise an Lebendigkeit. Sie beleben meine Sehnsüchte wieder, färben die verblasste Schatzkarte meines Lebens nach schärfen meinen Adlerblick - jener Blick, der mir ermöglicht, Dinge von weiter oben zu betrachten.

Immer wieder verirre ich mich und verfolge Dinge, die nicht meinen Werten entsprechen. Der drohende und unausweichliche Tod besinnt mich.

 

Die Australierin Bronnie Ware schrieb ein wunderbares Buch über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse als mobile Palliativkrankenschwester.

Nicht nur ihr Buch, in dem es so zentral um den Tod geht, ist ein Plädoyer für Leben aus vollstem Herzen.

Sie destillierte aus ihren Begegnungen mit Sterbenden 5 Punkte heraus, die so gut wie alle von diesen am Sterbebett bereuten und in der Weisheit dieses Ausnahmezustandes anders machen würden:

 

1. "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben."

2. "Ich wünschte, ich  hätte nicht soviel gearbeitet."

3. "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken."

4. "Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten."

5. "Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein."

 

 

Der Philosoph Christoph Quarch sprach bei einem Vortrag über die drohende Vergöttlichung der künstlichen Intelligenz darüber, dass uns dieser eine Sachverhalt von den hochentwickelten Kreationen des Silicon Valleys stets abheben und entscheidend befähigen wird: unsere Sterblichkeit

Sie erzeugt in uns Urkräfte unvorstellbarer Dynamik, macht uns zu individuellen Wundern und erhebt uns zur Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz. Sie beseelt uns.

[Selbstdistanzierung: die Fähigkeit, von uns selbst abzurücken, uns selbst aus fruchtbarer Distanz zu betrachten und uns dazu zu verhalten; z.B. bei Angst;
Selbsttranszendenz: Ich setze meine Energie aus tiefster Überzeugung für etwas anderes oder für jemand anderen ein, wirke über mich hinaus;]

Dinge, die eine Maschine oder ein Roboter nie können werden.

 

 

Manchmal glaub ich, dass uns die Privilege unserer Zeit nicht bewusst genug sind.

Ich versuche, sie immer mehr nicht nur als Privileg, sondern auch als Verantwortung zu betrachten. Indem ich die Freiheit, für die unsere Vorfahren gekämpft haben, nutze und für sie einstehe, ehre ich sie damit nicht nur, sondern verhindere, dass sie uns wieder entgleitet.

Für unsere Grundrechte wurde hart gekämpft. Nicht wenige Köpfe sind gerollt.

Unsere Vorfahren wollten sicher nicht, dass wir ihre Leistung und ihr Leiden nachahmen - zu einem Punkt, wo es Zeit ist, ihre Früchte zu ernten. Erntezeit ist nicht ewig.

Außerdem, wie Frankl schon sagte: Leid, das vermeidbar oder unnötig ist, ist nicht heroisch. Es ist dumm oder naiv.

 

Krise bedeutet entweder Gefahr oder Chance.

Auf dass es nicht aufhört, uns existenziell zu erschüttern, sondern uns so richtig durchrüttelt. Pro Sinn!