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Auszeichnungsverleihung

Im Zuge der Recherchen für meine Diplomarbeit beschäftige ich mich zurzeit unter anderem sehr intensiv mit dem Thema Verletzlichkeit und sie zeigen.

Das Geniale am "Sich-mit-etwas-auseinandersetzen" ist, dass scheinbar parallel zur Theorie vom Leben/Kosmos (oder was auch immer) praktische Übungs-Angebote geschickt werden, um die Thematik grundlegend verstehen zu lernen. Oder wie Viktor Frankl es formulieren würde: das Leben schickt uns Fragen, die wir zu beantworten haben.

Zumindest ist das eine Erfahrung, die ich in meinem Leben seit längerem beobachte.

 

Verletzlich- ja, das war ich in den vergangenen Tagen ganz besonders. Ich war krank - ein Zustand, den ich kaum kenne und deshalb nie  wirklich gelernt habe, damit umzugehen (falls man das lernen kann). Einmal mehr spürte ich am eigenen Leib, wie eng Körper und Psyche verbunden sind: emotional hochsensibel gaben sich Traurigkeit und Wut die Türklinke in die Hand. Ich war sooo arm. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das an meiner Stelle krank war.

Und bekanntlich hat das "Innere Kind" viele Themen...

Aber wie Rumi so schön sagt: Eine Wunde ist der Ort, wo das Licht eintritt.

 

 

Verletzlichkeit hat eine Zwillingsschwester. Sie ist schüchtern, unaufdringlich und begleitet Verletzlichkeit nur, wenn man sie einlädt. Die Zwillingsschwester heißt Verbundenheit.

Es erfordert höchsten Mut, die Einladung an Verbundenheit auszusprechen, denn es bedeutet konkret, sich jemandem im Moment tief empfundener Einsamkeit, Traurigkeit, Angst, Minderwertigkeit, Scham, Schuld, Wut, Eifersucht, aber auch Zuneigung... ehrlich anzuvertrauen.

Eine solche Einladung spricht man nicht wahllos aus.

 

Ich glaube, in Wahrheit kann man von Glück sprechen, wenn es im Leben 1 oder 2 Menschen gibt, bei denen man mutig genug sein kann, sich soweit aus dem Fenster zu lehnen.

Von diesen (1, 2) Menschen soll dieser Blogartikel handeln, ihnen sei er gewidmet.

 

 

Stell dir vor, du wärst in der Situation, einen "Fehler" zum x-ten Mal gemacht zu haben (z.B. das Einlassen auf einen "falschen" Mann). Du weißt genau, deine Freundin hatte es kommen sehen, sie hat dich davor auch gewarnt. Aber du glaubtest fest, diesmal würde es anders werden. Du hofftest es sosehr, dass du dich von deiner Freundin distanziertest, um dich von ihren Bedenken zu distanzieren. Aber leider wurdest du wieder einmal ent-täuscht.

Am Boden zerstört, trunken vor Selbstmitleid, Selbsthass, Scham, Schuldgefühlen, Minderwertigkeitsgefühlen rufst du deine Freundin an & erzählst ihr von deinen Gefühlen.

 

Was zeichnet diese Person aus? (Ja, es bedürfe einer Auszeichnung für diese Art von Menschen!)

 

Dr. Brene Brown, eine amerikanische Forscherin und Professorin, die sich seit 2 Jahrzehnten mit den Themen Scham, Verletzlichkeit und Mut beschäftigt, beschreibt folgende Reaktionen als jene von Menschen, die es nicht verdient hätten, an deiner Verletzlichkeit teil zu haben.

Dein Gegenüber:

-schämt sich für dich.

-freut sich eher, nicht an deiner Stelle zu sein, als mit dir mitzufühlen.

-ist enttäuscht von deiner Unvollkommenheit.

-fühlt sich total unwohl, weil du deine Verletzlichkeit teilst.

-weigert sich, dir deine Gefühle zuzugestehen.

-nutzt dein Erzählen ständig als Verbindung, um auf sich umzulenken.

 

“You share with people who earn the right to hear your story.” 
(Brene Brown)

 

 

Die "ausgezeichnete Person" empfängt dich mit offenen Armen, hält dich fest & deiner Geschichte stand. 

Sie weiß um deine inneren Kämpfe & vermutlich auch, was dich (wieder einmal) in diese Lage gebracht hat, ist aber mit genügend Gespür gesegnet, dies nicht im gegebenen Zustand mit dir zu besprechen. Es geht im Moment nicht um Lösungen. 

Sie misst den Ernst deiner Lage nicht an der Situation, sondern an deinen Gefühlen,

nimmt diese im Jetzt ernst, & das, obwohl sie dich morgen insgeheim schon wieder strahlen sieht.

Sie ist da & vermittelt: "Komm, das schaffen wir- gemeinsam." 

Die ausgezeichnete Person mag dich nicht trotz deiner Fehler, sondern mit oder sogar aufgrund von ihnen.

 

 

Das Ironische ist, dass wir uns vielfach verbiegen, um irgendwelchen Menschen zu gefallen, unverdienten Menschen, die auf uns reagieren, so wie Brene Brown es weiter oben beschrieb. Menschen, die eigentlich nicht zählen. Zählen tut die "ausgezeichnete Person", die, die uns liebt, so wie wir sind.

 

 

Aber natürlich ist diese Person auch nur ein Mensch. Deshalb kann es passieren, dass sie, versponnen in ihr Leben, auch mal nicht so reagiert, wie wir es von ihr kennen.

Aber sie ist es, die daraufhin selbst Verletzlichkeit zeigt und meint: "Es tut mir leid, dass ich letztens nicht für dich da sein konnte, obwohl ich merkte, dass du Hilfe brauchtest, aber mir ging und geht es...." Und somit wechselt die Rolle & man darf zurückgeben - darf zur "ausgezeichneten Person" werden.

Denn auch das zeichnet diesen einen besonderen Menschen aus: Dass auch er uns seine Verletzlichkeit anvertraut.

Was für ein Glück, so eine Person für sich gefunden zu haben!

 

 

 

"Eine Wunde ist der Ort, wo das Licht eintritt", meinte Rumi.

Ja, die Verletzlichkeit hat mich meiner Verbundenheit wieder bewusst werden lassen,

hat Licht auf den Weg zu dieser einen Person gebracht. <3

Tiefe Dankbarkeit. 


für dich..