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Dankbarkeit

Ja, ein Begriff, den man sowohl in der Lebenshilfe, als auch in der Spiritualität so oft liest und hört, dass er inzwischen so geschmacklos anklingt, wie ein abgelutschter Kaugummi.

„Nicht die Glücklichen sind dankbar.
Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“
So in etwa lautet der sinngemäße Inhalt vieler Schriftstücke über Dankbarkeit.
Es klingt wie Poesie, & wahrscheinlich empfindet es auch derjenige, der im  Moment des Lesens dankbar und glücklich ist, als DIE Wahrheit.
Vielleicht denkt er sich, er hat nun DEN Schlüssel, mit diesem Wissen ausgestattet, wird er sein Leben lang nichts als Glück empfinden. Auch, dass die vielen Leute um ihn, die nicht glücklich sind, selber schuld hätten- wären sie doch gefälligst dankbar!

 

Dann gibt es Menschen, die über die Voraussetzung von Dankbarkeit für das Glück lesen, & auch, was dem beigefügt ist -Tue nicht nur so, als wärst du dankbar, sondern empfinde es auch- & die dieser Inhalt abstößt. Sie denken: „Ich würde ja gern dankbar sein, aber wie könnte ich?! Mein Leben ist ein einziger Schutthaufen! Ich tue schon gut daran, den Tag zu überstehen, ohne jedem, den es besser geht, oder Gott etwas vorzuhalten. Aber dann auch noch dankbar sein?“
Für solche Menschen bedeuten Zeilen über das Praktizieren von Dankbarkeit Geschwafel, das nichts als Wut auslöst.

 

Und dann gibt es Menschen, die durchaus dankbar sein können, aber nicht auf Anordnung.
Für sie ist Dankbarkeit keine Emotion, die unter irgendeiner Form von Zwang bestehen kann.
Sie erinnern sich an vergangene Situationen zurück, in denen sie viel zu oft mit „Danke“  reagiert haben, wofür sie in echt gar nicht dankbar waren, & dass das darauffolgende Gefühl nicht wohl tat, sondern eher dem Gefühl folgend auf eine Lüge glich.
Für diese Menschen ist manches „Danke“ ein Betrug an sich und andere.

 

Ich gehöre zu allen dreien der beschriebenen Gruppen.
Mal empfinde ich es so, dann so & dann so.
Aber am meisten bewege ich mich inzwischen in der letzten.

 

Für mich ist Dankbarkeit durchaus etwas Wirkungsvolles, etwas mit Zauberkraft.
Dankbarkeit zu fühlen und auszudrücken gleicht einer Einladung, dass sich das Gemeinte wiederholen darf.
Deshalb bin ich ziemlich kritisch geworden, wofür ich Dankbarkeit suggeriere- ich will doch nicht alles wieder einladen, sondern gewählt.

Weil wir Menschen sind, sind wir wahrscheinlich die einzige existierende Art, die Dankbarkeit vorgaukeln & vorgegaukelter Dankbarkeit wiederum Glauben schenken kann.
Eine alte Weisheit sagt, zwischen „etwas gut meinen“ und „etwas Gutes tun“ liegen oft Welten.
Wie oft empfinden wir es als Bedrängnis, wenn uns jemand helfen will, uns etwas schenkt oder bohrend nach unserem Befinden fragt? Unsere Manieren bedrängen uns dann noch zusätzlich um eines Dankes.
Und schon ist es vollbracht!
Das „Danke“ gleicht einer Einladung, uns erneut zu helfen, zu beschenken,…

 

Wem hat man damit etwas Gutes getan?
Weder einem selbst, noch dem anderen,
der ursprünglich etwas „gut gemeint“, & einem damit aber „nichts Gutes getan“ hat.
Jemandem seine persönlichen Grenzen ehrlich zu zeigen, ist kein Gewaltakt, sondern das (Lern-) Angebot für eine längerfristige Beziehung.

 

Wohingegen Dankbarkeit, dort, wo man es ehrlich meint, etwas wirklich gern empfängt & schätzt, sehr begünstigend sein kann.
Natürlich darf man nicht erwarten, dass etwas automatisch wieder zu passieren hat, nur weil man „Danke“ gesagt hat.
Aber Dankbarkeit ist eine Form der Wertschätzung & nichts wirkt motivierender, als wert geschätzt zu werden. Es schenkt dem Schenker ein „Wofür“.

 

Der Mensch möchte wert- und sinnvoll sein für diese Welt und seine Mitmenschen.
Es ist unser Antrieb, der uns werken, ringen, suchen, riskieren lässt.

 

Dieses Wissen auszunützen, um Macht auszuüben & andere Menschen zu seinen Marionetten zu machen, hat nichts mit Dankbarkeit, Wert oder Sinn zutun.
Leider passiert es trotzdem zu oft. Menschen, die sich nur wertvoll fühlen, wenn sie große Leistungen vollbringen, werden von Konzernen bis zum Burnout ausgewrungen, nur um dann aussortiert zu werden, um neuen leistungswilligen Mitarbeitern Platz zu machen.
Dies gleicht dem Bild einer Kuh in einem Hochleistungsbetrieb, die mit milchbegünstigendem Kraftfutter vollgestopft wird, um kurzfristig eine hohe Milchleistung zu erzielen,
und jüngst auf dem Schlachthof landet, weil sie „ausgemolken“ ist.
So etwas kann wohl nur eine unterentwickelte Schicht von Menschen vollbringen, die bei Nietschze und seiner Theorie des  „Willens zur Macht“ stecken geblieben sind.

 


Wahre Dankbarkeit gleicht einem Kreislauf.
Sie zeigt sich im balancierten Austausch, im Geben und Nehmen.
Dankbarkeit erzeugt Dankbarkeit.

 

Ihr Terrain endet auch nicht im zwischenmenschlichen Bereich.
Fährt man z.B. schlaftrunken mit dem Auto nach einem Nachtdienst (oder von wo auch immer) nach Hause, & entgeht einem blöden Auffahrunfall noch gerade um ein Haar,
dann durchzieht einen vielleicht Dankbarkeit in Form von Stoßgebeten.

An wen diese gerichtet sind, steht hier nicht zur Debatte.
Für mich ist es einfach Gott (in einer GmbH & Co.KG mit Engeln, Lichtwesen, Krafttieren).
Ich durfte erfahren, dass (ungezwungene) Dankbarkeit nach oben vieles im eigenen Leben begünstigt. Davon abgesehen, dass sie als Einladung für dasselbe steht,
verhilft sie zu Vertrauen, Demut und dem Gefühl, kein Alleinkämpfer zu sein.
Außerdem hält Dankbarkeit das Ego in Schach- nicht ich (er)schaffe alles, sondern Gott mit mir & durch mich.

 

Was nicht heißt, dass ich mir selbst gegenüber nicht genauso dankbar sein darf.
Es ist schließlich Gott mit mir & durch mich.
Auch mich motiviert Dankbarkeit.
Zum Beispiel im Winter, wenn es draußen eiskalt und schon finster ist, & ich mir -auf der Couch liegend- draufkomme, dass ich die Aludecke noch nicht an mein Auto angebracht habe.
Auch wenn es mich wirklich-wirklich nicht mehr freut: der Gedanke daran, wie dankbar ich mir selbst gegenüber am nächsten Tag bin, wenn ich frühmorgens noch ein paar zusätzliche Minuten habe, weil ich das Auto nicht vom Eis befreien muss, siegt.

 

Vielleicht sollten wir es mit der Dankbarkeit so handhaben, wie wir es früher als Kinder mit den abgelutschten Kaugummis taten: Abends vor dem Schlafen noch ein paar mal kräftig draufbeißen & ihn dann auf das Nachtkästchen neben uns legen,
um ihn dann morgens, sobald wir aufwachen,  erneut in den Mund zu schieben & uns zu freuen, dass er plötzlich wieder viel mehr Geschmack hat.
(Ich habe ihn auch öfters während der Nacht, wenn ich aufgewacht bin, schnell ein paar Mal durchgekaut, leider oft mit dem Ergebnis, am nächsten Morgen mit völlig verpickten Haaren aufgewacht zu sein; schnipp-schnapp..)


Nepal- Eine Reise, die uns Dankbarkeit lehrte
Nepal- Eine Reise, die uns Dankbarkeit lehrte