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Kleine Kunde in Logotherapie 1

Matteo saß mit gesenktem Blick an seinem Platz des  tavolo´s, seines Esstisches, mit dem  rechten Zeigefinger und Daumen den Stiel seines fast leergetrunkenen Rotweinglases drehend. Das Rauschen des Radios im Hintergrund, auf dem nur mehr der Lokalsender funktionierte, nahm er schon längst nicht mehr wahr. Es war für ihn irgendwann zu einem Automatismus geworden, ihn einzuschalten, sobald er seine camerata, seine Stube, betrat. Das machte die elende Stille hier etwas erträglicher.
„Wenn doch nur der Wein auch so berauschend wär wie das Radio“, dachte er, konnte sich aber nicht aufraffen, über seinen kurzen Anflug von Humor zu schmunzeln, geschweige denn zu lachen.


Wo früher der heißblütige Lebenssaft eines klassischen Italieners durch seine Adern schoss, schien jetzt nur mehr der billige, überkühlte Abklatsch davon durchzutröpfeln. Manchmal fragte er sich, ob sein Blut überhaupt noch rot war.


Sein ganzes gottverdammtes Leben hatte er diesem Weingut gewidmet. Er hatte nicht nur einen Traum dafür aufgegeben, und das, obwohl er es nie wirklich wollte. Und jetzt? Zerstörte ein Virus sein ganzes Lebenswerk. Liefersperren, wo er doch das Geld so dringend benötigte, um über die Runden zu kommen.


Jetzt musste er lachen. Aber keines dieser heiteren Brüller, bei dem man sich auf den Oberschenkel klopft. Nein, ein furchteinflößend verbittertes Lachen, ein Krächzen, das Hohn verkündete, bis es schließlich in gewaltige Wut umschlug, und er das Weinglas in seiner rechten Hand mit voller Wucht gegen die Wand schleuderte.


Nun musste er weinen. Er stützte das Gesicht in seine Hände und ließ den Frust, die Gefühle der Enttäuschung  der  vergangenen Jahre  zum ersten Mal richtig zu. Wann hätte er Gelegenheit dazu gehabt? Als sein Vater noch lebte, wollte er ihm Stärke und Treue beweisen und als dieser starb, hatte er keine Zeit mehr  für Gefühlsduseleien.
So gestand er sich nun und hier das erste Mal zu, über seine Vergangenheit nachzudenken.

 

 

Matteo war nicht nur ein gutaussehender, lustiger junger Mann gewesen, er zeichnete sich vor allem durch seine Willensstärke aus. Wenn er etwas wollte, dann setzte er alles daran, es zu bekommen. Auch wenn die Damenwelt ihm zu Füßen lag, er ließ sich davon keineswegs ablenken. Er visierte nämlich etwas anderes an, wohinein er all seine Zeit, Energie und seine Leidenschaft investierte- er wollte eines Tages Profifußballer werden. Sein Sportlehrer bestärkte ihn seit jeher, er solle diesem seinen Talent nachgehen, aus ihm würde noch einmal Großes werden.

Matteo liebte einfach alles an Fußball- das Adrenalin, das dabei freigesetzt wurde, den Teamgeist und die Anerkennung, die er erhielt.


Er glaubte an die Utopie, dass ein junger Niemand aus einem kleinen lombardischen Dorf in der Nähe von Bergamo eines Tages ein Weltstar sein könnte. Und er wollte seinen Vater stolz machen.
Sein Vater, der ihn alleine großgezogen hat, nachdem seine Mutter einer schweren Lungenentzündung erlag, kurz nachdem er seinen 3. Geburtstag gefeiert hatte. Sein Vater, der ihm stets Vorbild war, wenn es darum ging, zusammenzuhalten & seine geistigen Kräfte zu aktivieren.

 

Dann war es soweit. DAS Match, bei dem es sich entschied, ob aus Matteo eine Nummer in der Fußballszenerie werden solle. Ein Talentscout aus dem Süden war extra gekommen, um ihm beim Spielen zuzusehen. Matteo war damals nicht älter als 18 Jahre. Es lief ziemlich gut. Er war auf Hochtouren, glitt über den Rasen und schien ständig am Ball zu sein. Plötzlich aber geschah es- auf der Tribüne Wirbel, Leute liefen zusammen, bildeten einen Kreis um jemanden. Aus dem Publikum hörte man „Matteo, tuo padre“ - Matteo, dein Vater!

 

Dann ging alles ziemlich schnell. Ein Rettungswagen kam, nahm Matteos Vater mit.
Für Matteo war das Spiel gelaufen, er konnte sich nicht mehr konzentrieren, war in Gedanken stets bei seinem Vater und starke Ängste ereilten ihn, er könne nun auch noch ihn verlieren.

 

Sein Vater hatte einen Schlaganfall erlitten. Schon die Wochen zuvor klagte er immer öfter über starke Kopfschmerzen, tat es aber ab, sobald Matteo ihn zum dottore, zum Arzt, schicken wollte. Matteos Vater sparte jeden Centesimi, um Matteo seinen Traum zu erfüllen. Ein Arztbesuch wäre zu teuer gekommen.

 

Es dauerte Wochen, bis sein Vater wieder halbwegs auf die Füße konnte. Die erste Zeit war er ziemlich verloren. Er fragte ständig nach seiner Francesca, seiner längst verstorbenen Frau, und verwechselte Matteo mit einem Arzt.

Aber es ging bergauf, wenn auch sehr, sehr langsam.

 

Anfangs ging Matteo noch zum Training, einerseits um im wahrsten Sinne "am Ball" zu bleiben, andererseits, um sich abzulenken. Aber bald schon klopfte die örtliche Bank an der Türe und verwies auf die vielen Zahlungen, die abgewickelt werden mussten.
Matteo hatte bislang nie Einsicht in die wirtschaftliche Lage des väterlichen Weingutes gehabt. Wozu auch. Er half mit, wenn er gebraucht wurde, erhielt aber viel Freiraum für sein Fußballtraining.

 

Matteo war es seinem Vater schuldig- er musste den Hof retten. Sein Vater würde noch Wochen in Krankenanstalten sein, um wieder anständig laufen zu lernen.
Als Matteo seinem Trainer von der Sachlage berichtete, dass er aber bald wieder zum Training kommen und alles aufholen würde, klopfte dieser ihm nur väterlich auf die Schulter und sah ihm mitleidig in die Augen, bevor er sagte: „Alles Gute, Matteo. Aus dir hätte etwas Großes werden können.“

 

Die Wochen verstrichen, Matteo schaukelte den Hof so gut er konnte. Trotzdem wurden die Schulden mehr und der Gewinn weniger.


Als dann endlich sein Vater aus dem Krankenhaus heimkehrte, traf diesen fast gleich wieder ein Schlag, als er der aktuellen Wirtschaftslage des Hofes gewahr wurde.
Sie buddelten und buddelten, um das Weingut wieder auf Vordermann zu bringen. Manchmal versuchte der Vater, mit Matteo über seinen einstigen Traum zu sprechen. Dieser blockte aber immer wieder sofort ab und meinte, den Hof zu erhalten wäre nun das wichtigste.

 

Die Jahre verstrichen. Matteos Vater erholte sich, sie arbeiteten Schulter an Schulter, brauchten keine Worte, um sich zu verstehen. Sie lernten viel voneinander.

 

Im Laufe der Zeit veränderte sich Matteo. Irgendwann glaubte auch er nicht mehr an seine Karriere als Fußballer. Er war inzwischen nicht nur zu alt, sondern auch zu desillusioniert dafür geworden.
Er begann, seinen Drang nach körperlicher Betätigung mit dem Naheliegendsten zu stillen- den Bergen.
Sie waren ringsherum, so konnte er, wenn sein Vater die Mittagsruhe einnahm, schnell einen kleinen Gipfel erklimmen. Die Ruhe in den Bergen gab ihm Kraft.
An Wochenenden wagte er auch höhere Gipfel. Die Massive im Parco delle Orobie Bergamasche hatten es ihm angetan. Er liebte es, die Steilwände der südlichen Gipfel zu erklettern.

 

An so einer Wand geschah es auch, dass er eines Tages abrutschte. Es war ein sonniger Frühlingstag, kaum Wind, und vielleicht war er auch deshalb weniger vorsichtig gewesen. Er wollte einen neuen Rekord aufstellen und die Steilwand schneller hinauf und hinunter klettern als je zuvor.
Sein Wille wuchs auf die Größe des Berges, und er war in Windeseile oben.
Jeder, der ernsthaft Berge besteigt, weiß, dass Eile etwas ist, was nichts in den Bergen verloren hat. Diese Lektion wird dich der Berg immer wieder lehren wollen.
Matteo rutschte beim eiligen Abstieg aus, verdrehte sich das rechte Knie, das er fortan nicht mehr richtig belasten konnte und kam gerade noch so herunter.
Beim Abstieg ins Tal wurde das verletzte Knie immer dicker und blauer.
Er steuerte direkt auf den örtlichen Rettungsdienst zu, der ihn ins nächstgelegene Krankenhaus, nach Bergamo brachte. Ironischerweise dasselbe, indem sein Vater nach dem Schlaganfall lag.

 

Dort sofort die Diagnose- eine wichtige Arterie in der Kniegegend war verletzt worden und blutete ein. Eine Notoperation musste her.
Tage später wachte er ohne rechten Unterschenkel auf. Das war auch der Tag, an dem ihn der Lebensmut verließ.

 

Sein Vater lebte noch ein paar Jahre. Er war der einzige Mensch, den Matteo an sich heranließ. Nichts mehr übrig von dem einstigen Teamgeist, der ihn so durchströmte.  Menschen waren ihm zuwider. Besonders die blauäugigen, die an Utopien glaubten.
Auch wenn es ein guter Zusatzverdienst gewesen wäre, er lehnte vehement das Einrichten einer Gaststätte ab, als der Tourismus im Norden Italiens immer mehr an Bedeutung gewann & Geldeinnahmen versprach.

 

Seit sein Vater gestorben war, hatte er nur noch notgedrungenen Kontakt, mit den Gastronomen & Weinabnehmern in der Provinz.
Früher konnte er in einsamen Nächten noch öfters das Lachen oder die weisen Sprüche seines Vaters durch das Gut hallen hören.

Jetzt? Nichts mehr.

 

 

Zurück in die Gegenwart versetzt, weinte Matteo bitterlich. Er weinte das Weinen eines kleinen Jungen, der seine Mutter viel zu früh verloren hatte. Er weinte das Weinen eines jungen Mannes, der seinen Lebenstraum aufgeben musste. Er weinte das Weinen eines Mannes, der ein Körperteil verloren hatte und schließlich das Weinen eines Sohnes, der seinen Vater & sein größtes Vorbild zu Grabe tragen musste.
Und er weinte das Weinen eines Menschen, der sich selbst verloren hatte.

 

Es geschah auch in dieser Nacht, dass sich in den Tiefen Matteos ein Sturm zusammenbraute.
Er sah all die Dinge, die er nicht zustande gebracht hatte, & vielleicht, weil er das sanfte Flüstern seines Vaters vernahm, erkannte er, dass nicht das Leben es nicht gut mit ihm meinte, sondern, dass es an ihm lag, ob er die Privilegien, die er stets genießen durfte, sah, oder ob er weiter den Kopf im Boden vergrub, und allem anderen die Schuld geben würde.

Woher die Kraft kam, ich weiß es nicht, aber Matteo entfuhr es: „Ich lasse mir von mir nicht alles gefallen!!

 

In dieser Nacht hatte er einen richtungsweisenden Traum.


Auf ihn begründet startete er am nächsten Tag eine Initiative: er rief alle Bauern in der Umgebung an, von denen er wusste, dass sie nun wegen des Corona-Virus auf ihren Gütern saßen, & organisierte eine kontaktlose Tauschbörse. Viele Menschen, die bislang Hunger litten, konnten kostengünstig bis -frei Lebensmittel beziehen. Matteo begann, als er eines Tages von einer hilfsbedürftigen alten Frau erfuhr, die einen Schlaganfall erlitten & keinen Zugang zu Lebensmittel hatte, einen Lieferservice für betagte Menschen zu installieren.
Es war ihm wichtig, diesen Menschen Wertschätzung beizumessen, nicht zuletzt, um seinem Vater indirekt nachträglich Grazie zu sagen, für all sein Tun und Sein.

 

Viel später, als der Corona-Virus nur mehr in Erzählungen existierte,
hatte Matteo einen gemeinnützigen Verein gegründet und eine Gaststätte bei sich am Weingut eingerichtet.

Die Tochter einer betagten Frau, der er während des Virus´ regelmäßig guten Wein brachte, Sara, war inzwischen zu seiner engsten Verbündeten geworden. Matteo ahnte in diesem Moment noch nicht, dass sie ihm in wenigen Tagen einen Heiratsantrag machen würde.
Matteo liebte nun einfach alles an seinem Leben- das Adrenalin, das Sara bei ihm freigesetzte, den Teamgeist im Verein und die Anerkennung, die er erhielt.

 

 

"Per te, mio nonna"
17.06.1938-26.3.2015

 

 

 


Diese Geschichte schreibe ich (auch) zu Ehren Viktor Frankl´s, dessen 115. Geburstag heute ist.
Viele fragen mich, was „Logotherapie“ ist bzw. ob es dasselbe wie Logopädie ist.
Logotherapie lässt sich wunderbar kompliziert erklären, & alle sind abgeschreckt.
Aber Logotherapie wird ständig gelebt von uns. Es geht um eine Seite in uns, die immer gesund ist & die Antwort auf unsere (un)gestellten Fragen weiß.  Und die die Möglichkeit hat, zu jeder Zeit mit uns zu kommunizieren.
In meiner Geschichte wollte ich einen wesentlichen Aspekt davon ablichten- die Trotzmacht des Geistes, wie Frankl sie nannte.
Die gesunde Seite in uns sagt plötzlich, „so, jetzt lassen wir uns nicht mehr alles von unseren negativen Weltanschauungen verbauen - wir trotzen dem Opfertum!"
Ein Quantensprung wurde zelebriert.


Solche Trotzmacht ist in uns allen. Bist du bereit, sie zu erhören?